Bei Unfällen werden häufig Sehnen, Muskelfasern, Adern und Nerven zertrennt. Alles lässt sich vernähen, nur nicht die Nerven. Die wachsen zwar nach, doch unkontrolliert in irgendeine Richtung. Dass sie ihr Gegenüber wieder erreichen ist äußerst selten.


Künftig werden sich Unterbrechungen von Nervenfasern möglicherweise heilen lassen. Forscher am Institut für Textil- und Verfahrenstechnik (ITV) Denkendorf nahe Stuttgart haben einen feinen Schlauch entwickelt, der über das Ende einer abgetrennten Nervenfaser gestülpt wird. Er besteht aus einem Kunststoff, der vom menschlichen Körper toleriert wird, also keine allergischen oder Abstoßungsreaktionen hervorruft. Es handelt sich um eine neuartige Kombination aus den Kunststoffen Trimethylencarbonat und Caprolacton. Bisher genutzte Leitschienen für nachwachsende Nervenfasern sind relativ starr. Andere setzen Abbauprodukte frei, die zu Entzündungen führen können.

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Filamente mit Längsrillen beschleunigen das Auswachsen der Nerven (Bild: ITV Denkendorf)

Feinste Fasern weisen den Nervenfasern den Weg

Im Hohlraum des Schlauches befinden sich feinste Fasern, Filamente genannt, die den nachwachsenden Nervenbahnen den Weg weisen. Der Kunststoffschlauch ist zudem porös. Er lässt allerdings nur körpereigene Stoffe durch, die das Nervenwachstum anregen. Zum Schluss treffen sich die beiden Nervenbahnenden und vereinigen sich. Der Kunststoff löst sich nach einer bestimmten Zeit auf und wird über das Blut Molekül für Molekül abtransportiert. An der Entwicklung beteiligt waren Forscher des Naturwissenschaftliches und Medizinisches Institut an der Universität Tübingen und der Berufsgenossenschaftlichen Klinik in Tübingen.


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Neu entwickelte Nervenleitschiene besteht aus mikroporösen
Kapillarmembran (Bild: ITV Denkendorf)

Hoffnung auch für Querschnittsgelähmte

Bisher sind Nervenbahnen in Gehirn und Rückenmark nicht behandelbar. Doch die Forscher glauben, dass später auch Querschnittsgelähmten geholfen werden kann. Zunächst aber wird der Wachstumsbeschleuniger und Nervenbahnenlotse noch nicht an Menschen eingesetzt. „Unser System ist bisher an Ratten getestet worden“, sagt Professor Michael Doser vom ITV. Die Lücke die jeweils zu überbrücken war, betrug zwei Zentimeter. Vor klinischen Tests, der letzten Testphase vor der Einführung des Nervenbahnenlotsen, seien noch „Weiterentwicklungen geplant, die die Nervenregeneration beschleunigen sollen“. Der Schlauch soll in den Fertigungsräumen der ITV Produktservice GmbH, einer Tochter der Forschungseinrichtung, hergestellt werden.
Ein ähnliches System habe amerikanische Wissenschaftler entwickelt. Sie stellen ein Schlauchsystem mit einem 3D-Drucker her. Auch dieses Verfahren wurde an Ratten getestet. Der Defekt lag ebenfalls bei rund zwei Zentimetern. Nach zehn bis zwölf Wochen registrierten die Forscher eine Verbesserung des Zustands der tierischen Patienten, die sie auf Nervenwachstum zurückführten. Interessant dürfte das neue Verfahren auch für die bevorstehende weltweit erste Kopftransplantation sein. Schon im übernächsten Jahr soll die nach wie vor als „Schreckenszneario“ eingestufte Transplantation bei einem Menschen angewendet werden.

Quelle: ITV Denkendorf

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