Die Millionenmetropole Istanbul liegt genau dort, wo Eurasien und die anatolische Erdplatte aufeinander stoßen. Die Folge sind gewaltige Spannungen im Erdreich, die sich immer wieder in Erdbeben entladen. Forscher sind sich daher sicher, dass die Stadt über kurz oder lang mit einem schweren Erdbeben zu rechnen hat. Wann es allerdings so weit sein wird, lässt sich bisher nicht genau sagen. Auswertungen verschiedener Messdaten haben nun aber gezeigt, dass es im Untergrund von Istanbul bereits zu einer Art Erdbeben in Zeitlupe gekommen ist. Dieses Phänomen der langsamen Erdbeben ist erst seit rund fünfzehn Jahren bekannt und spielt sich in großer Tiefe ab. Dort bricht das Gestein unter großer Spannung nicht mehr, sondern fließt in die eine oder andere Richtung.


Bild: Hakan SarÄtaş [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Sensoren in Bohrlöchern brachten die Forscher auf die Spur

Weil der Prozess so langsam abläuft, entsteht dabei kein riesiges Erdbeben. Vielmehr kommt es zu einer Vielzahl an kleinen Erschütterungen. Diese waren aber an der Oberfläche nicht zu bemerken, weshalb das langsame Erdbeben tief unter der Erde normalerweise wohl unbemerkt geblieben wäre. Im Fall von Istanbul haben Forscher allerdings ein Netz hoch sensibler Sensoren in Bohrlöchern versenkt und können so selbst kleinste Verschiebungen aufzeichnen. Vor kurzem haben die Forscher die auf diese Weise gewonnenen Daten noch einmal neu ausgewertet und sind auf das Zeitlupen-Beben in der Tiefe aufmerksam geworden. Dieses dauerte demnach fast zwei Monate und brachte gewaltige Veränderungen mit sich.

Die Prognose von Erdbeben ist weiterhin schwierig

Das Ziel der Sensoren in den Bohrlöchern ist aber eigentlich ein anderes: Die Forscher wollen lernen, Erdbeben besser vorherzusagen. Bisher können sie nämlich den Ort und die Stärke eines Bebens recht genau prognostizieren – nicht aber den Zeitpunkt. Im Fall von Istanbul wissen die Menschen also, dass eines Tages ein Erdbeben droht. Weil die Gefahr aber eher abstrakt ist, bereiten sich viele Einwohner zwar darauf vor – etwa indem sie immer eine Taschenlampe griffbereit haben – ziehen aber nicht an einen anderen Ort. Könnte man den Zeitpunkt hingegen genau bestimmen, ließen sich gefährdete Gebiete unter Umständen noch rechtzeitig evakuieren. Bis es soweit ist, dürfte zwar noch einiges an Zeit vergehen. Die Messstationen im Untergrund von Istanbul spielen bei der notwendigen Forschungsarbeit aber eine wichtige Rolle.


Via: Süddeutsche Zeitung

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