Auf den ersten Blick klingt es widersprüchlich: In weiten Teilen Europas nehmen die Niederschläge zu, gleichzeitig verschärfen sich landwirtschaftliche Dürren. Aktuelle Klimastudien zeigen jedoch, dass genau dieses Paradox zu einem der zentralen Probleme der europäischen Landwirtschaft werden könnte. Entscheidend ist nicht allein, wie viel Regen im Jahresmittel fällt, sondern wann er fällt und wie viel Wasser den Pflanzen tatsächlich im Boden zur Verfügung steht. Steigende Temperaturen verändern diese Balance grundlegend und führen dazu, dass Böden während wichtiger Wachstumsphasen zunehmend austrocknen. Warum steigende Niederschläge die Trockenheit nicht aufhalten Lange Zeit galt Trockenheit vor allem als Folge ausbleibender Niederschläge. Neuere Klimamodelle zeichnen ein deutlich komplexeres Bild. Forscher:innen haben untersucht, wie sich Temperaturanstieg, Verdunstung und Bodenfeuchte gegenseitig beeinflussen. Dabei zeigt sich, dass wärmere Luft deutlich mehr Wasser aufnehmen kann. Dieses zusätzliche Verdunstungspotenzial entzieht dem Boden Feuchtigkeit, noch bevor Pflanzen sie nutzen können. Selbst wenn Regen fällt, versickert oder verdunstet ein größerer Teil schneller als früher. Besonders problematisch ist dieser Effekt im Frühjahr. In dieser Phase entscheidet sich, wie gut Böden Wasser speichern und wie widerstandsfähig Pflanzen durch den Sommer kommen. Bleibt der Boden hier zu trocken, entstehen Defizite, die später kaum noch auszugleichen sind. Eine Forscherin aus dem beteiligten Team bringt es auf den Punkt: „Der Klimawandel erwärmt die Luft so stark, dass Böden und Pflanzen selbst bei zunehmendem Regen schneller austrocknen.“ Die klassische Betrachtung von Jahresniederschlägen greift unter diesen Bedingungen zu kurz. Kleine Ursache mit großer Wirkung Für die Landwirtschaft hat diese Entwicklung weitreichende Folgen. Viele der Regionen, in denen sich dieses Dürre-Paradox besonders deutlich zeigt, zählen zu den wichtigsten Anbaugebieten Europas. Auch in Deutschland beobachten Forscher:innen eine Zunahme von Frühjahrs- und Sommerdürren, obwohl die jährlichen Regenmengen stabil bleiben oder sogar steigen. Die Pflanzen starten bereits mit einem Wassermangel in die Hauptwachstumsphase, was ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Hitzeperioden deutlich verringert. Ernteausfälle werden dadurch wahrscheinlicher und schwanken stärker von Jahr zu Jahr. Getreide, Mais und andere Kulturen reagieren besonders sensibel auf Wassermangel während bestimmter Entwicklungsstadien. Selbst kurze Trockenphasen können erhebliche Ertragseinbußen verursachen. Die Studien zeigen, dass es dabei weniger um extreme Einzelereignisse geht als um eine schleichende Verschiebung der klimatischen Rahmenbedingungen. Der Boden verliert seine Funktion als verlässlicher Wasserspeicher. Diese Veränderungen erhöhen den Anpassungsdruck auf landwirtschaftliche Betriebe. Zwar wird intensiv an trockenheitsresistenteren Sorten geforscht, doch auch diese stoßen an physikalische Grenzen, wenn Wasser im Boden fehlt. Langfristig verweisen viele Forscher:innen darauf, dass ohne eine Begrenzung der globalen Erwärmung selbst technische und züchterische Anpassungen nur begrenzte Wirkung entfalten können. Trockene Sommer schaden der Landwirtschaft Ein zentrales Ergebnis der aktuellen Forschung ist die Bedeutung saisonaler Muster. Niederschläge nehmen in Europa vor allem im Winterhalbjahr zu, während die Sommer tendenziell trockener und heißer werden. Für die Landwirtschaft ist diese Verschiebung problematisch, da Winterregen nur begrenzt zur Wasserversorgung der Pflanzen beiträgt. Ein Teil des Wassers fließt oberflächlich ab oder erreicht die Wurzelschichten nicht in ausreichendem Maße. Gleichzeitig verstärken längere Wärmeperioden im Frühjahr und Sommer die Verdunstung aus Böden und Vegetation. Regionale Unterschiede spielen dabei eine wichtige Rolle. Während einige Gebiete noch von höheren Winterniederschlägen profitieren können, geraten andere zunehmend unter Druck. Gemein ist ihnen jedoch die wachsende Unsicherheit über die Wasserverfügbarkeit während der entscheidenden Wachstumsphasen. Die Forschung macht deutlich, dass der Blick auf Durchschnittswerte allein nicht ausreicht, um die Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft zu verstehen. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Temperatur, Boden und Niederschlagsverteilung. Mehr Regen bedeutet unter diesen Bedingungen nicht automatisch mehr Wasser für Pflanzen. Vielmehr entsteht eine neue Form der Dürre, die leiser verläuft, aber umso nachhaltiger wirkt. via University of Reading Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter