Die Erde dreht sich nicht so gleichmäßig, wie es Atomuhren erwarten. Schwindende Eismassen, veränderte Windmuster und Gezeitenkräfte verschieben den Drehimpuls des Planeten, wodurch sich die Rotationsgeschwindigkeit Jahr für Jahr um mehr als eine Sekunde verändert. Für globale Systeme, die auf die Präzision von Atomuhren angewiesen sind, kann eine solche Abweichung zum Problem werden. Im Oktober entscheidet die 28. Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) in Versailles über einen Vorschlag, der die Zeitmessung grundlegend verändern könnte: Statt jährlicher Schaltsekunden soll künftig eine deutlich seltenere Schaltstunde die koordinierte Weltzeit (UTC) an den Erdumlauf anpassen.


Ein System aus dem Jahr 1972

Das Internationale Büro für Maß und Gewicht führte die Schaltsekunde 1972 ein, um UTC mit den geringfügig längeren Tagen der Erde in Einklang zu halten. Seitdem haben Zeithüter:innen 27 solcher Sekunden in den Kalender eingefügt, zuletzt 2016. Seit 2020 dreht sich die Erde jedoch wieder schneller, was erstmals eine negative Schaltsekunde nötig machen könnte, bei der eine Sekunde aus dem Jahr gestrichen wird.


Teure Fehlerquelle für Computersysteme

Genau das gilt Fachleuten als heikel. Schaltsekunden haben in der Vergangenheit bereits Fluggesellschaften und Netzwerke lahmgelegt, weil viele Computersysteme nicht auf diese Art von Zeitsprung ausgelegt sind. Eine negative Schaltsekunde, bei der eine Sekunde aus dem Kalender verschwindet statt hinzuzukommen, wäre technisches Neuland und dürfte kaum risikofrei verlaufen, zumal kaum eine moderne Software für dieses umgekehrte Szenario ausgelegt wurde. Vor vier Jahren erkannten CGPM-Mitglieder deshalb, dass die häufigen kleinen Korrekturen mehr Probleme schaffen als sie lösen.

Warten statt jährlich korrigieren

Die naheliegende Alternative: Man wartet, bis die Abweichung zwischen UTC und Erdrotation groß genug ist, um sie in einem Schritt zu beheben. Konzerne wie Google verfolgen bereits einen ähnlichen Ansatz und verteilen Korrekturen unbemerkt über Stunden oder Tage, statt eine einzelne Sekunde abrupt einzufügen. Wird die Differenz erst bei einer vollen Stunde ausgeglichen, müssten Zeithüter:innen nur noch alle paar Jahrhunderte eingreifen. Stimmt die Konferenz dem Entwurf zu, würde die Zählung für eine künftige Schaltstunde am 20. Mai kommenden Jahres beginnen.

via Financial Times

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