Der Blick in den Spiegel liefert kein objektives Bild. Wie attraktiv sich Menschen finden, hängt von Selbstvertrauen, Stimmung und Persönlichkeit ab und weicht oft vom Urteil anderer ab. Die Psychologie untersucht seit Jahren, welche Eigenschaften zu einem besonders positiven oder kritischen Selbstbild beitragen. Ein Team um Adrian Furnham von der BI Norwegian Business School und David Semmelink von der Universität Pretoria hat dafür zwei Stichproben ausgewertet. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Evolutionary Psychology. Zwei Gruppen, eine einzige Frage Die Forscher:innen rekrutierten Berufstätige aus einem Pool von Menschen, die zuvor berufliche Eignungstests absolviert hatten. An der ersten Studie nahmen 799 Personen teil, an der zweiten 292. Alle bewerteten ihre Attraktivität auf einer Skala von 0 bis 100 und gaben Auskunft zu Bildung, Optimismus, Religiosität, politischer Haltung und Arbeitspersönlichkeit. Nur die zweite Gruppe absolvierte zusätzlich einen computergestützten Intelligenztest, der Sprachverständnis, Rechengeschwindigkeit und räumliches Denken misst. Höhere Testleistung, niedrigere Selbstbewertung In der zweiten Gruppe zeigte sich ein unerwartetes Muster. Wer im Test besser abschnitt, bewertete das eigene Aussehen etwas niedriger. Die Korrelation lag bei r = −0,19 und fiel damit schwach aus. Auch nach Abzug von Alter, Geschlecht, Bildung, Optimismus und Persönlichkeit blieb der Zusammenhang knapp signifikant: Pro Standardabweichung mehr Testleistung sank die Selbstbewertung um rund 2,4 Punkte. Die Intelligenz erklärte damit nur 1,2 Prozentpunkte zusätzliche Varianz. Bildung und Optimismus heben das Selbstbild Andere Merkmale wirkten in die Gegenrichtung. In beiden Studien bewerteten sich Menschen mit Hochschulabschluss als attraktiver. Optimismus und emotionale Stabilität gingen ebenfalls mit höheren Werten einher. Dabei hingen Abschluss und Testleistung in der zweiten Gruppe praktisch nicht zusammen (r = 0,01). Männer lagen in den Rohdaten beider Gruppen vorn, doch in der zweiten verschwand der Unterschied, sobald die übrigen Merkmale eingerechnet waren. Religiosität und eine liberale politische Haltung hingen nur in der ersten Studie mit höheren Werten zusammen. Britische Teilnehmende schätzten sich in einer explorativen Analyse niedriger ein als Menschen aus den USA, Kanada, Australien und Südafrika. Was die Studie nicht belegt Die Autor:innen vermuten, dass Menschen mit höherer kognitiver Leistung nüchterner oder ehrlicher urteilen. Diese Erklärung bleibt eine Hypothese. Die Studie erfasste Attraktivität mit einer einzigen Selbstauskunft. Es gab weder ein Fremdurteil noch Körperdaten wie den BMI. Deshalb sagt sie weder, wie attraktiv die Teilnehmenden tatsächlich waren, noch wie treffend sie sich einschätzten. Als Querschnittsstudie klärt sie auch keine Ursache. Hinzu kommt die Auswahl: Die Freiwilligen stammten überwiegend aus englischsprachigen Ländern, in der zweiten Gruppe kam die Hälfte aus Großbritannien. Ob der kleine Effekt in repräsentativen Stichproben standhält, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter