Am 8. Dezember 2020 erhielt in Großbritannien erstmals ein Mensch außerhalb einer klinischen Studie eine Corona-Impfung. Danach rollte eine Impfkampagne in nie gekanntem Tempo um die Welt, finanziert von Regierungen, Pharmaunternehmen und internationalen Initiativen wie COVAX. Milliarden flossen in Entwicklung, Produktion und Logistik. Ob sich dieser Aufwand für die Gesellschaft auszahlte, ließ sich bislang nur grob abschätzen. Ein Team um den Epidemiologen Mark Jit von der New York University hat nun eine Bilanz für das erste Impfjahr vorgelegt und im Fachjournal PLOS Medicine veröffentlicht. Foto: Syringe With 2 Drops, ZaldyImg, Flickr, CC BY-SA 2.0 79 Milliarden Dollar Einsatz, bis zu 64 Billionen Dollar Gegenwert Die Forscher:innen setzten die Gesamtkosten für Entwicklung und Impfprogramme mit 79,4 Milliarden US-Dollar an. Dem stellten sie einen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gegenwert von 6,43 bis 64,3 Billionen Dollar gegenüber. Jeder investierte Dollar brachte der Gesellschaft im Grundmodell einen Nettoertrag zwischen 59,7 und 809 Dollar. Auf einem Konto landet davon nichts: Die Summen beziffern den in Geld umgerechneten Nutzen vermiedener Krankheiten und gewonnener Lebenszeit. Rechengrundlage: eine Welt ohne Impfstoff Jits Gruppe baute auf einem Infektionsmodell auf, das Oliver Watson und Kolleg:innen vom Imperial College London 2022 in The Lancet Infectious Diseases vorgestellt hatten. Dieses Modell verglich den tatsächlichen Pandemieverlauf zwischen dem 8. Dezember 2020 und dem 8. Dezember 2021 mit einem Szenario ohne jede Impfung. Auf Basis offiziell gemeldeter Todesfälle verhinderten die Impfstoffe demnach 14,4 Millionen Tote. Legten die Forscher:innen stattdessen die Übersterblichkeit zugrunde, stieg die Zahl auf 19,8 Millionen. Das entspricht einem Rückgang der Todesfälle um 63 Prozent. Das NYU-Team ergänzte diese Daten für 173 Länder um Kosten für Herstellung und Verteilung sowie um die wirtschaftlichen Folgen von Erkrankungen. Laut der neuen Analyse verhinderten die Impfungen rund 1,5 Milliarden Infektionen und 51,5 Millionen Krankenhausaufenthalte. Zusammen mit den vermiedenen Todesfällen ergibt das etwa 364 Millionen gewonnene qualitätsadjustierte Lebensjahre. Der Wert eines Lebens treibt die Spanne Die enorme Bandbreite der Ergebnisse geht auf die Bewertungsmethode zurück. Ein Ansatz fragt, wie viel Menschen zahlen würden, um ihr Sterberisiko zu senken. Der andere orientiert sich an den Kosten vergleichbarer Leistungen im Gesundheitssystem. Nach der ersten Methode entfallen allein auf verhinderte Todesfälle 63,5 Billionen Dollar. Unabhängig davon schätzen die Autor:innen die vermiedenen Produktivitätsverluste auf 564 Milliarden und die eingesparten Behandlungskosten auf 222 Milliarden Dollar. Vom Nutzen profitierten die Länder ungleich. Reiche Staaten erhielten früh große Mengen Impfstoff und schützten damit ältere Bevölkerungen, was den Gewinn je geimpfter Person steigerte. Schon die Watson-Studie hatte gezeigt, dass 12,2 der 19,8 Millionen verhinderten Todesfälle auf Länder mit hohem und oberem mittlerem Einkommen entfielen. Viele ärmere Länder bekamen ihre Dosen erst, als sich ein Großteil der Bevölkerung bereits angesteckt hatte. Gemessen an ihrer Wirtschaftsleistung fielen die vermiedenen Kosten dort trotzdem besonders stark ins Gewicht. Vereinfachte Annahmen im Modell Die Autor:innen benennen offen die Schwächen ihrer Rechnung. Ihr Szenario ohne Impfung unterstellt, dass Menschen ihr Verhalten nicht angepasst und Regierungen keine strengeren Maßnahmen verhängt hätten. Neue Virusvarianten bleiben ebenfalls außen vor. Für die Verteilung setzte das Team pauschal 3,70 Dollar pro vollständig geimpfter Person an. Nebenwirkungen und die Kosten früherer Grundlagenforschung flossen nicht ein. Selbst bei deutlich veränderten Annahmen blieb die Bilanz klar positiv. Für künftige Pandemien ziehen die Forscher:innen daraus einen Schluss: Staaten sollten früh in Impfstoffe investieren und den weltweiten Zugang beschleunigen. Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter
Corona: Impfungen brachten bei etwa 80 Milliarden Dollar Investition 64 Billionen Dollar gesellschaftlichen Nutzen