Die Orte für Literatur und deren Kritik schwinden in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Dabei handelt es sich um ein Symptom von einem viel größeren Problem. Es gab in den vergangenen zwei Wochen erhebliche Aufregung wegen dem Morgenmagazin Mosaik des WDR und die vorliegende Frage, wie in Zukunft dort über Literatur berichtet werden soll. In dieser Sache geht es jedoch nicht um ein einzelnes Programm im NDR, WDR oder RBB. Auch geht es nicht um Literaturredaktionen von zum Beispiel Deutschlandfunk oder Deutschlandradio, wo einzelne Stellen nicht nachbesetzt, sondern gestrichen werden. 


Vielmehr geht es um deren Gesamtheit. Wie sich die Literatursparten von den öffentlich-rechtlichen Sendern entwickeln und um solche Fragen: Wird es angemessene literaturkritische Formate wie beispielsweise die Rezension weiterhin geben? Werden Fachleute weiterhin über Literatur reden dürfen? Oder wird es im Bereich der Literatur und Sachbücher bei der Berichterstattung zu einer qualitativen Kürzung kommen, weil zum Beispiel ein grundlegendes Genre wie eine Rezension durch dialogische Formen und Lesestrecken ersetzt wird? Dazu sollte der Zuschauer oder Zuhörer vielleicht wissen, dass es zahlreichen Kritikerinnen und Kritikern wirklich um das Gute, Schöne und Wahre geht, wie diesen gelegentlich vorgeworfen wird, als ob das mit nicht akzeptabler Naivität gleichzusetzen sei. Wenn jemand beispielsweise freiberuflich als eine Kritikerin arbeitet und einigen Medien unverzichtbares Material liefert und damit zu einer zeitgemäßen Vielstimmigkeit beiträgt, muss sie schon über etwas Idealismus verfügen. Zudem sind die wenigsten naiv. Oder sind Fragen naiv, bei denen die Kritiker fragen, wo Arbeit noch möglich ist, wie die Konsumenten mit Kritikerinnen und Kritikern umgehen oder gar wo in Zukunft die Literatur noch vorkommen wird?


Literaturkritikerinnen und Literaturkritiker mit langjähriger Erfahrung bemerken, dass die Akzeptanz für komplexere Schreibweisen selbst in Fachjurys schwindet. Auch die Räume für solche Anliegen werden immer kleiner. Die Situation wäre außerdem noch erbärmlicher, wenn es die Veranstaltungsbranche mit den Gesprächen und Lesungen nicht gäbe. Mehr und mehr verengt sich der Buchmarkt, immer öfter konzentrieren sich die Einrichtungen pro Saison auf wenige Titel und die Probleme für Autoren und Verlage steigen damit. Die Verengung des Marktes erfolgt aufgrund einer zunehmenden Ausrichtung auf das, was das Publikum gut findet. Hierbei liegt der Trend darin, auf spezifische Zielgruppen die literarischen Produkte zuzuschneiden. Dahinter heißt das Menschenbild Konsument. In diesem Fall handelt es sich um Konsumenten von Büchern. Diese Vorgehensweise ist verbunden mit einem völlig unpolitischen Verständnis von der Öffentlichkeit. Der Buchmarkt und die medialen Vermittler wirken an deren Herstellung wesentlich mit, wie es seit Jürgen Habermas bekannt ist. Anders gesagt ist das politische Interesse an dieser speziellen Öffentlichkeit rein ökonomisch und das kurzfristig.

Jüngere schalten ab

Es ist interessant, was passiert, wenn sich die Konsumenten ungefragt äußern. Zuweilen werden dann solche Äußerungen ritualisierte Empörungswellen genannt, unwillig zur Kenntnis genommen und schnell mit einer kosmetischen Rhetorik abgemildert. Ungefähr auf diese Weise: Die Medien sollten doch nur für den Hörer vielfältiger und bunter werden. Dabei sind die Formeln wiedererkennbar und austauschbar. Demnach sind es diese Formeln, die ritualisiert genannt werden dürfen.

Außerdem gibt es Bedürfnisse des Publikums, deren Berücksichtigung aus Marketingsicht dringend ist und es gibt noch die Empörungswellen von anstrengenden Hörerinnen und Hörern, Leserinnen und Lesern. Hierbei kann ein Außenstehender sich fragen, ob es möglich wäre, Empörungswellen ebenfalls als Publikumsbedürfnisse zu deuten und mit ihnen produktiv umzugehen. Diejenigen, die das machen müssten (zum Beispiel Senderchefs), werden nicht gerade dafür bezahlt, solche Kompetenzen zu entwickeln. Schließlich ist die gute Nachricht: Ein stabiles buchinteressiertes Publikum ist nach wie vor vorhanden. Könnte dann die Frage nicht lauten: Was stellt ein gutes Literaturprogramm dar? Zweitens: Wie wird es unter die Leute gebracht? Aus solchen Fragen sollte die Aufgabe entstehen, die Literaturredaktionen lösen müssten. Letztlich sitzen dort denkende Leute, die bereit dafür sind, die Programmformate zu ändern und dabei das Publikum nicht aus den Augen zu verlieren. Die erste Frage taucht derzeit in den Debatten leider selten auf.

Gerade bei den Jüngeren gibt es hierbei ein deutlich sichtbares und neues Bedürfnis nach Ernsthaftigkeit. Häufig schaffen sie sich eigene Räume, da sie in den alten sich nicht mehr erkennen. Dort gibt es Raum, wo sich die Besucher argumentativ mit Fragen auseinandersetzen, die keiner in fünf Minuten oder mit nur 4.000 Zeichen abhandeln kann. Auch Moderatorinnen und Moderatoren, die keine Sachkenntnis haben, sind dort nicht gefragt. Der Nachwuchs bewegt sich dort und diese werden einmal den Medien fehlen, wenn ein Publikum für Literatur und Autoren und Kritiker gebraucht werden. Vielmehr schalten die interessierten Jugendlichen ab und wandern weg. Die Öffentlichkeit, die sich im Medienwandel fragmentiert, kommt dann noch hinzu. Wie dieser begegnet werden sollte, ist die noch unbeantwortete, große Frage von Medien, Verlagen und Literaturenthusiasten. Die besonders propagierte Antwort hierauf ist: mitmachen. Das bedeutet: Bedürfnisse zu befriedigen, Zielgruppen zu bestimmen und zu beliefern. Auf diese Weise wird jedoch die Blasenbildung und Fragmentierung verstärkt und nicht unterlaufen.

Wer sich in Subversion versucht, holt sich leicht eine blutige Nase. Dafür muss die Frustrationstoleranz hoch sein und es muss eventuell gefragt werden: Kann es eine Illusion sein zu glauben, das Publikum könne wieder wachsen, wenn sich die Medien ausschließlich nach seinen Bedürfnissen richtet? Hierbei handelt es sich um Gedanken, die sich Unternehmen wie Medien und Buchverlage stellen müssen. Die Bezahlung ihrer Mitarbeitenden hängt schließlich auch von deren Gewinnmöglichkeiten ab. Davon sollten öffentlich-rechtliche Sendeanstalten wie zum Beispiel der WDR halbwegs befreit sein, aus diesem Grund wurden sie letztlich auch erfunden. Damit am Ende nicht ausschließlich Spiele in Fußballarenen bespielt werden, da die Mehrheit des Publikums deutlich macht, dass sie das gut findet. Zudem ist eindeutig, was der Widerspruch der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist: Diese werden von den Bürgerinnen und Bürgern bezahlt, damit die Sendeanstalten machen, was nicht alle, mitunter sogar nur wenige interessiert. Sie müssen sich jedoch für das, was sie tun, legitimieren, weil alle sie dafür bezahlen. Wer die Legitimation mit der Quote begründen will, kann demnach nur verlieren. Es handelt sich also um einen Knoten, den als unser Repräsentant nur die Politik durchschlagen kann. Ein klarer Auftrag ist dabei notwendig, den nicht zahlengetriebene Manager, sondern Involvierte, die leidenschaftlich und sachlich kompetent in den jeweiligen Gebieten sind, formulieren. Diese gibt es ja, ebenfalls unter den Chefs und Chefinnen.

Ist es schon zwölf?

Hinzu kommt, was die Literatur betrifft, dass deren Markt und das Publikum nicht so funktionieren wie zum Beispiel die Schwimmnudel- und Autoreifen-Industrie und ihre Zielgruppen. Der Außenstehende hat dennoch den Eindruck, dass Autoreifenexperten zunehmend die Literaturprogramme neu erfinden. Die Begeisterung für Bücher und ihre Kritik kann sich allerdings durchaus mit der Freude an Autoreifen und Schwimmnudeln in einer Person verbinden. Was bei einer solchen Symbiose herauskommt, muss kongenial sein. Wenn jemand diese raren Exemplare nur machen ließe! Leider wirkt es oft so, als wäre ihnen Literatur suspekt. Falls Leserzahlen und Quoten nicht genug Reichweite erreichen, dann stimmt wohl mit dem Programm etwas nicht.Die Frage ist nun: Wenn selbst öffentliche Institutionen, die sich den Marktgesetzen nicht unterwerfen müssen und dafür bezahlt werden, dem Kultur- und Bildungsauftrag nachzukommen, nicht mehr bereit sind, für Publikumsminderheiten ebenfalls Programme zu machen – und das auf dem prominentesten Podcastplatz und zur besten Sendezeit – wo kann das Minderheitenprogramm dann stattfinden? In der Süddeutschen Zeitung hat Felix Stephan in den kulturellen Räumen auf die politische Dimension hingewiesen, in denen unter anderem über Literatur Auseinandersetzungen geführt werden. Er teilt dazu mit, dass über diese Räume rechte Strategen in die Mitte von der Gesellschaft eindringen und subkutan ihr Denken verbreiten. Für die Subtilität von diesem Vorgehen war eine Debatte wie die um beispielsweise die Autorin Monika Maron ein schönes Beispiel. Eine solche, historisch ebenfalls leicht belegbare These wischen manche als übertrieben vom Tisch. Wenn dieses Vorgehen von solchen kommt, die diese Räume formatieren und bespielen, lässt das einen tiefen Blick zu.

In einem Gespräch erwähnte einmal Roger Willemsen die spezifische Unterforderung von den Massenmedien. Über seinem Schreibtisch hätte der Chefredakteur einer britischen Tageszeitung ein holzgerahmtes Täfelchen gehabt. Darauf stehe: Es ist zwölf. Die Uhrzeit sei nicht gemeint gewesen, sondern vielmehr das geistige Alter von dem Leser und in der Zeitung hätte sich jede Zeile daran gemessen, ob ein Zwölfjähriger es verstehen würde. Pier Paolo hat gesagt, die Massenkultur sei die wahre Antidemokratie. Diese schaffe es, Menschen die persönlichen Interessen streitig zu machen und dafür kultiviere sie Konträrfaszination, eine unsympathische Haltung, die bei Betrachtung der Unterhalter sagen ließe, dass die Minderheiten Gott sei Dank nicht wie jene dort seien. Roger Willemsen war eine Person, die bewiesen hat: Gedanken und Publikum schließen sich nicht aus. Mit Weltabgewandtheit und Elfenbeintürmen hat diese Kombination nichts zu tun, sondern kann Bestseller machen und Säle füllen. Wenn jemand jedoch annimmt, es sei schon zwölf und nicht Programm aus einem minimal selbstangetriebenen, dem Gegenstand gegenüber verpflichteten Enthusiasmus heraus macht, der mag kurzfristig unter Managementtrainern und Ökonomen Beifall bekommen. Ist das aber langfristig auch so?

Würde ein Interessent danach fragen, wie sich Kriterien für eine gegenwärtige, gute Berichterstattung, zum Beispiel Informationsgehalt, Aktualität und Partizipationsmöglichkeit auf die Literatur übertragen lassen, wäre eine mögliche Antwort: Debatten und Ereignisse aus dem literarischen Leben diskutieren, Bücher in das Gespräch bringen, Neuerscheinungen in ihren gesellschaftlichen, politischen, ästhetischen und literaturhistorischen Kontexten zeigen, diskursive Formate bespielen und dadurch Vielstimmigkeit erreichen, dass verschiedene Akteure aus dem Literaturpublikum und der Literaturbranche eingebunden werden. Übrigens ermöglichen auch Experten wie Kritiker durch Argumente und Thesen, anregende und gute Gedanken Teilnahme, die Perspektiven öffnen. Von zeitgemäßer Literaturberichterstattung sind die Elemente Diversität, Vielfalt, Partizipationsmöglichkeiten, Anspruch und Unterhaltsamkeit. Rosamunde Pilcher kann zum Beispiel phänomenologisch betrachtet werden, auf ihre Erzähltechniken hin können Netflixserien analysiert werden und von Lady Bitch Ray Hölderlin können Gedichte besprochen werden. Mit Beitraglängen oder mit Formaten hat eine zeitgemäße Literaturberichterstattung nichts zu tun. Auch das Unzeitgemäße kann plötzlich sehr zeitgemäß sein.

Bereitet das überhaupt Freude?

Es ist wie bei allen Dingen: Strukturen und Personen unterscheiden sich. Letztlich muss die Qualität stimmen. Was für eine Bedeutung hat das für die Rezension? Dirk Knipphals hat über ihre Zeitgemäßigkeit in der taz geschrieben: in ihrer gedanklichen Freiheit, ihrer Wandelbarkeit, ihrem spielerischen Enthusiasmus und zugleich ihrer Bekenntnis zur Ernsthaftigkeit. Auch schreibt Knipphals darüber, wie diese Form dialogisch sein kann, in der Spannung von Nicht-Verstehen und Verstehen. Es gilt doch nur all das zu ermöglichen, zu entdecken und zu diskutieren. In dieser Form liegt sehr viel Potenzial! Denn die Rezension ist nicht altmodisch, vielmehr ist es die Rede über sie und gelegentlich auch ihre Praxis. Außerdem kann eine Rezension den Horizont erweitern, partizipativ und diskursiv sein. Dies geschieht durch zugespitzte Urteilskraft oder auch indem ein Buch nicht ausschließlich unter dem Motto Ich rate zu/Ich rate ab besprochen wird, sondern dieses etwas komplexer in seinen ästhetischen und gesellschaftlichen Dimensionen liest. Ohne einen Richterspruch darf eine Rezension fragen, was an einem Buch genau interessant ist, wie und warum es heute gelesen werden könnte. Womit müht sich der Schriftsteller oder die Schriftstellerin und warum? Grundsätzlich ist eine Rezension nicht verschnarcht, doch gelegentlich sind es die Rezensierenden, womöglich auch, weil sie unter den oftmals schlechten Produktionsbedingungen resignieren oder weil es sehr schwierig ist, eine wirklich gute Rezension zu schreiben. Übrigens deutet auf die schlechten Produktionsbedingungen ebenfalls der Mangel an Nachwuchs hin. Will der Konsument wirklich ohne Literaturkritik Literatur haben? Geht das denn überhaupt? Bereitet das Freude?

Für viele ist die Literaturkritik jedoch insbesondere die Königsdisziplin und sie ist auch die Grundlage jeder möglichen dialogischen Form von Kritik, weil sie den Schriftstellerinnen und Schriftstellern halbwegs auf Augenhöhe begegnet. Wer sich dem Schreibprozess nie unterworfen hat, wer sich nie bemühte, die treffende Formulierung für einen Gedanken zu finden und somit ebenfalls sein Denken zu schärfen, sollte sich auch nicht mündlich als Kritiker gerieren. Gegen Veränderung gibt es nichts einzuwenden, und den Problemen der Publikumsbindung und Vermittlung muss begegnet werden. Doch für Lösungswege gibt es gibt es verschiedene Perspektiven und es wäre gerade in dieser Situation gut, wenn alle Seiten offen und bereit sind, die Sichtweise zu hinterfragen. Weshalb sollten nicht alle aus verschiedenen Richtungen, aber dennoch an einem Strang ziehen? Vielleicht eignet sich für ein gutes Programm neuer Wein in neuartigen Gläsern. Aber eben nach wie vor mit Wein und Gläsern. 

Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende.
PayPal SpendeAmazon Spendenshopping

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.