Weichmacher stecken in Gartenschläuchen, Regenjacken, Lebensmittelverpackungen und medizinischen Geräten. Kaum jemand kommt heute noch ohne Kontakt zu Di(2-ethylhexyl)phthalat (DEHP) aus, jenem Zusatzstoff, der PVC weich und biegsam macht. Eine neue Studie des Florey Institute of Neuroscience and Mental Health in Melbourne liefert nun einen möglichen biologischen Mechanismus dafür, wie die Substanz die Gehirnentwicklung von Kindern beeinflussen könnte, deren Mütter während der Schwangerschaft erhöhten DEHP-Werten ausgesetzt waren.


Phthalate wie DEHP ahmen körpereigene Hormone nach und stehen bereits im Verdacht, Testosteronspiegel und Spermienqualität zu senken. Ein Zusammenhang mit der Gehirnentwicklung von Kindern wurde in früheren Studien vermutet, blieb aber mechanistisch unklar. Genau hier setzt die neue Arbeit an.


Ein Netzwerk aus über fünfhundert Genen

Das Team um Erstautor Sam Tanner wertete Daten der Barwon Infant Study aus, einer australischen Geburtskohorte mit über 800 Müttern und ihren Babys. Statt einzelne Gene zu untersuchen, analysierten die Forscher:innen fast eine Million DNA-Stellen im Nabelschnurblut jedes Kindes. Dabei identifizierten sie ein Netzwerk aus 531 Genen, deren Aktivität sich gemeinsam mit dem DEHP-Wert der Mutter veränderte. Kinder mit dieser epigenetischen Signatur zeigten im Alter von zwei und vier Jahren mehr Symptome von Autismus und ADHS, bei Jungen deutlicher als bei Mädchen.

Bestätigung im Hirngewebe

Um die Ergebnisse abzusichern, glichen die Wissenschaftler:innen das Genmuster mit postmortalen Hirngewebeproben aus einer unabhängigen US-Datenbank ab. Auch dort fanden sich Veränderungen in denselben Genen bei Menschen mit Autismus-Diagnose. Allerdings verlief das Muster zwischen Blutproben und Hirngewebe nicht identisch, teils sogar gegenläufig. Diese Diskrepanz erschwert eine einfache Erklärung des zugrunde liegenden Mechanismus, auch wenn die Forscher:innen eine plausible biologische Erklärung anbieten.

Ernährung als Gegenspieler

Dasselbe Gennetzwerk reagierte auch auf die Ernährung der Mutter. Eine vollwertige Kost mit Fisch, Nüssen, Eiern, grünem Gemüse und Vollkornprodukten wirkte in die entgegengesetzte Richtung wie DEHP. Die Forscher:innen vergleichen das Netzwerk mit einem Regler, an dem sowohl schädliche als auch schützende Einflüsse drehen können. Senior-Autorin Anne-Louise Ponsonby von der University of Melbourne betont, dass fast alle Frauen in der Studie DEHP-Belastung aufwiesen und Expositionswerte kaum individuell steuerbar seien. Da Chemikalien wie DEHP häufig über Lebensmittel aufgenommen werden, seien staatliche Vorgaben für Verpackung und Verarbeitung entscheidend, so Ponsonby. Sie fordert, dass globale Regulierungsbemühungen aktuelle Erkenntnisse zum Gesundheitsschutz besonders schwangerer Frauen und Säuglinge stärker berücksichtigen.

Vorsicht bei der Deutung

Mirko Uljarevic vom Kids Research Institute, der nicht an der Studie beteiligt war, mahnt zur Zurückhaltung. Die Effekte seien moderat, die Nachuntersuchungsgruppen klein, und als Beobachtungsstudie könne die Arbeit keine Kausalität belegen. Zudem hätten die verwendeten Verhaltensmaße Autismus und ADHS nur eingeschränkt erfasst. Uljarevic verweist darauf, dass beide Erkrankungen multifaktoriell entstehen: Kein einzelner Umweltfaktor dürfte allein das Risiko eines Kindes maßgeblich verändern. Die Studie liefere aber wichtige Ansatzpunkte für künftige Forschung zu Plastikchemikalien und kindlicher Gehirnentwicklung.

via scimex

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