Wer an Rechenleistung denkt, denkt an Chips, Rechenzentren und Kühlanlagen. Die Natur verarbeitet Information seit Jahrmilliarden ohne Silizium: Zellen reagieren auf Signale, Pilze und Wurzeln tauschen Stoffe aus, Materialien verändern sich unter Belastung und behalten davon Spuren. Forscher:innen der University of Cambridge übertragen diese Sichtweise nun auf ein Material, das jeder Mensch unter den Füßen hat. Sie schlagen vor, Boden als körperlich eingebetteten Informationsprozessor zu betrachten. Ein Material mit Gedächtnis Boden besteht aus Mineralpartikeln, Poren, Luft, Wasser, organischer Substanz, Wurzeln, Pilzen und Mikroorganismen. Dieses Geflecht leitet Wasser, Wärme, gelöste Stoffe und chemische Signale nicht einfach durch. Das Team argumentiert, dass die Struktur Signale räumlich und zeitlich filtert. Poren bilden bevorzugte Wege, chemische Grenzflächen binden Stoffe oder geben sie wieder frei. Trockenheit, Regen, Verdichtung und biologische Aktivität verändern diese Struktur, und nach solchen Ereignissen kehrt der Boden nicht immer exakt in seinen alten Zustand zurück. Die Autor:innen werten Hystereseeffekte, chemische Gleichgewichte und mikrobielle Hinterlassenschaften als eine Art materielles Gedächtnis. Mit Denken hat das nichts zu tun. Im Boden gibt es weder Nervenzellen noch eine zentrale Steuerung. Die Verarbeitung entsteht dezentral aus vielen gekoppelten physikalischen, chemischen und biologischen Vorgängen. Intelligenz meint hier Anpassungsfähigkeit und kontextabhängige Reaktion, kein Bewusstsein und keine Absicht. Schwache Ströme lesen den inneren Zustand aus Für das Auslesen setzt die Gruppe auf die elektrische Impedanztomografie, kurz EIT. Elektroden speisen schwache Ströme in ein Material ein und messen die entstehenden Spannungen. Daraus rekonstruiert das Team, wie sich elektrische Eigenschaften im Raum verteilen. Im Boden reagieren sie auf Feuchte, Salzgehalt, Struktur und biologische Aktivität. In früheren Experimenten unterschied die Gruppe mit EIT bereits Bodentypen und Feuchteklassen. Der neue Fachbeitrag geht einen Schritt weiter und fragt, ob sich dieselben veränderlichen Eigenschaften als Teil eines Rechenmediums nutzen lassen. EIT wäre dann der Sensor, der den inneren Zustand dieses Mediums abliest. Doktorandin Catherine Merchant nennt Boden für diesen Zweck interessant, weil er von Natur aus reichhaltige, nichtlineare und dynamische elektrische Eigenschaften mitbringt. Reservoir Computing als Vorbild, Beweis offen Als technisches Modell diskutieren die Autor:innen das Reservoir Computing. Ein komplexes physikalisches System formt dabei eingehende Signale nichtlinear um und behält einen begrenzten Einfluss früherer Eingaben. Eine nachgeschaltete Auswertung lernt, aus den veränderten Zuständen die gewünschte Information zu lesen. Im Boden könnten Vibrationen, Wärme, Feuchtigkeit oder chemische Reize einlaufen, Porenstruktur, Mineraloberflächen und biologische Netzwerke würden sie verändern, Sensoren erfassten das Ergebnis. Einen funktionierenden Bodencomputer gibt es bisher nicht. Der Fachartikel schlägt die Nutzung vor, zeigt aber keine zuverlässig gelöste Rechenaufgabe. Das Team will deshalb Gedächtniseffekte und Informationsübertragung im Boden quantitativ messen, innere Prozesse besser abbilden und echte Rechendemonstrationen mit Boden als physischem Reservoir durchführen. Erst diese Tests zeigen, welche Funktionen sich praktisch nutzen lassen und wie stabil sie bei wechselnden Umweltbedingungen bleiben. Was daraus werden könnte Der mögliche Nutzen reicht weit. Felder ließen sich stärker als aktive Sensorumgebung einsetzen, in der Änderungen von Feuchte oder anderen Zuständen früh auffallen. In der Präzisionslandwirtschaft rückten Messung und Verarbeitung näher an den Boden selbst. Und für energiearme analoge Rechner und bioinspirierte Technik lieferte Boden ein ungewöhnliches Beispiel dafür, dass Rechenleistung nicht in einem klassischen Chip beginnen muss. via University of Cambridge Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter