Europas Stromsystem steckt in einem strukturellen Widerspruch: Windräder drehen sich, Solaranlagen produzieren, doch ein Großteil der erzeugten Energie verpufft ungenutzt, weil Netze und Speicher nicht mithalten. Gleichzeitig springen Gaskraftwerke ein, sobald Wind und Sonne pausieren. Genau in dieser Lücke setzt eine Batterietechnologie an, die mit einem schlichten Trio an Materialien arbeitet: Eisen, Wasser und Luft. Bild: Ore Energy Das niederländische Unternehmen Ore Energy und der Energieversorger Budget Thuis haben am 22. Juni 2026 eine Vereinbarung über den Einsatz von einem Gigawattstunde (GWh) Eisen-Luft-Langzeitspeicher unterzeichnet. Es ist das größte Abkommen dieser Art auf dem europäischen Festland und das erste, das ein europäischer Energieversorger mit einem Eisen-Luft-Speicher-Anbieter abschließt. Die erste Phase umfasst 400 Megawattstunden (MWh) und soll 2028 in Betrieb gehen. Stromspeicher für mehrere Tage Kurzzeitspeicher auf Lithiumbasis verschieben Solarstrom um wenige Stunden. Für windgeprägte europäische Stromnetze reicht das nicht. Perioden mit schwachem Wind und wenig Sonne dauern oft mehrere Tage, in denen Gaskraftwerke die Versorgung sicherstellen. Ore Energys Technologie speichert Strom bis zu 100 Stunden lang, was den Ausgleich solcher Mehrtageslücken ermöglicht. Ore Energys Mitgründer und CEO Aytaç Yilmaz beziffert die vergeudete Energie: Europa vernichtet Milliarden von Euro an sauberem Strom durch Abregelung, während gleichzeitig fossile Brennstoffe die Lücken füllen. Die Batterien nutzen die Umkehrbarkeit der Rostreaktion: Bei überschüssigem Strom wird Eisen elektrochemisch oxidiert, bei Bedarf läuft der Prozess rückwärts und gibt die gespeicherte Energie frei. Das System kommt ohne Lithium oder Kobalt aus, ist nicht brennbar und lässt sich vollständig mit europäischen Lieferketten realisieren. Die modularen 40-Fuß-Container lassen sich zu beliebig großen Anlagen zusammenstellen und für Speicherdauern zwischen 24 und 100 Stunden konfigurieren. Pilotprojekte als Nachweis Ore Energy hat die Technologie bereits unter realen Bedingungen erprobt. Zwischen August und November 2025 lief ein netzgekoppeltes Pilotprojekt beim französischen Energiekonzern EDF, bei dem das System Strom bis zu vier Tage lang speicherte und wieder ins Netz abgab. Es war das erste Eisen-Luft-Pilotprojekt dieser Art in Europa. Zuvor hatte das Unternehmen eine Anlage in Delft an das niederländische Verteilnetz angeschlossen und damit die Integration in bestehende europäische Netzinfrastruktur erprobt. Für Budget Thuis ist die Vereinbarung strategisch. Kurzzeitspeicher konkurrieren zunehmend um dieselben innertäglichen Arbitragefenster, was ihre Erträge unter Druck setzt. Mehrtagesspeicher erschließen ein anderes Marktsegment: Sie glätten Preisspitzen, verringern die Abhängigkeit von Gas-Backup und machen Strom für Endkund:innen kalkulierbarer. Eisen als Gegenmodell zu Lithium Die Rohstofffrage spielt eine wachsende Rolle in der europäischen Energiepolitik. Lithium und Kobalt stammen überwiegend aus wenigen Ländern außerhalb Europas und schaffen damit strategische Abhängigkeiten. Eisen dagegen ist auf dem Kontinent reichlich vorhanden und industriell bestens erschlossen. Yilmaz zieht eine direkte Parallele zur Solarenergie: So wie Lithium-Ionen-Akkus den Photovoltaikmarkt geprägt haben, könnte Eisen-Luft-Technologie für Windkraft eine ähnliche Rolle übernehmen. Budget-Thuis-CEO Annemarie Buitelaar ergänzt, dass das System ihrem Unternehmen helfe, günstigeren und verlässlicheren Strom für Kund:innen bereitzustellen, während es gleichzeitig die Anfälligkeit für volatile Gaspreise senkt. via Ore Energy Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter