Forscher:innen der East China Normal University in Shanghai haben ein Darmbakterium so verändert, dass es Blutzucker misst und bei Bedarf ein Hormon gegen Diabetes freisetzt. Das Team um Ye Haifeng veröffentlichte die Ergebnisse am zwölften August in der Fachzeitschrift Nature. Die als GIFT bezeichnete Variante von Escherichia coli produziert das Hormon GLP-1, das auch Medikamente wie Ozempic und Wegovy nachahmen. Anders als eine Spritze wirkt das Bakterium jedoch nur dann, wenn der Körper es tatsächlich braucht. Ein Gen als Blutzucker-Sensor Das Team schleuste ein glukoseempfindliches Regulator-Gen in den Bakterienstamm ein. Steigt der Blutzuckerspiegel, aktiviert das Bakterium die Produktion von GLP-1 und senkt so den Glukosewert. Sinkt der Wert wieder, stoppt die Ausschüttung. Bei gesunden Menschen übernimmt normalerweise die Bauchspeicheldrüse diese Aufgabe: Sie schüttet Insulin aus, verlangsamt die Verdauung und bremst den Abbau von Glukosespeichern. Bei Typ-2-Diabetes werden Körperzellen resistent gegen Insulin, wodurch der Blutzucker gefährlich hoch bleibt, während den Zellen gleichzeitig der nötige Treibstoff fehlt. Das eingesetzte Gen ahmt diesen natürlichen Regelkreis nach: Die Bakterien nehmen die Rolle eines kleinen, programmierbaren Organs im Darm ein, das die Glukosewerte ständig überwacht und nur bei Bedarf eingreift. Vorteil gegenüber täglichen Injektionen Herkömmliche GLP-1-Medikamente liefern eine feste Dosis pro Tag und richten sich nicht nach dem tatsächlichen Bedarf des Körpers. Das kann Nebenwirkungen begünstigen, etwa Nierenprobleme oder einen Rebound-Effekt nach dem Absetzen. GIFT reagiert dagegen in Echtzeit auf Schwankungen im Blut und schüttet das Hormon nur dann aus, wenn der Glukosespiegel tatsächlich steigt. Anders als transplantierte Zelltherapien löst das Probiotikum zudem keine Abstoßungsreaktion aus, da es den Darm nur vorübergehend besiedelt und danach wieder ausgeschieden wird. Als orale Kapsel verabreicht, entfällt zudem die Notwendigkeit regelmäßiger Injektionen, was die Behandlung für Patient:innen deutlich vereinfachen könnte. Tests an Mäusen und Affen In Versuchen an Mäusen und diabetischen Makaken senkte GIFT den Blutzucker zuverlässig, ohne schädliche Nebenwirkungen zu zeigen. Klinische Studien am Menschen stehen noch aus. Ye Haifeng erklärt, das Probiotikum biete gegenüber gentechnisch veränderten Bakterien, die GLP-1 dauerhaft produzieren, eine höhere Stabilität und Sicherheit, und vermeide gleichzeitig die Komplikationen und Immunreaktionen, die bei transplantierten Zelltherapien auftreten können. Weltweit leben laut Internationaler Diabetes-Föderation mehr als 530 Millionen Erwachsene mit Diabetes, bis 2050 könnten es über 850 Millionen werden. Allein in China sind rund 120 Millionen Menschen betroffen, was die Dringlichkeit neuer, gut verträglicher Behandlungsansätze unterstreicht. Mehr als nur ein Diabetes-Medikament Das Team sieht in der Plattform Potenzial über GLP-1 hinaus. Laut den Forscher:innen lässt sich das System anpassen, um weitere blutzuckersenkende Wirkstoffe freizusetzen. Ob GIFT sich gegen etablierte Therapien durchsetzt, muss sich erst in weiteren Studien zeigen. Gelingt der Sprung in klinische Tests, könnte das Bakterium jedoch nicht nur Diabetes, sondern auch Adipositas und verwandte Stoffwechselerkrankungen behandeln. via China Daily Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter
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