Die Bezeichnung „Mittelalter-Medizin“ klingt eher wie Hohn und Spott: In manchen Dingen hatten die historischen Heiler aber gar nicht so unrecht. Jetzt haben Forscher ein über 1.000 Jahre altes Rezept für Augensalbe auf seine Wirkung überprüft, eigentlich mit einfachsten Zutaten. Das Ergebnis überrascht, denn das Medikament greift im Laborversuch sogar multiresistente Keime massiv an. Mittelalterliche Medizin kann höchst abenteuerlich, aber auch wirksam sein Rezeptur aus einem Handbuch des 10. Jahrhunderts Die Rezeptur steht in einem medizinischen Handbuch aus dem 10. Jahrhundert, dem sogenannten „Bald’s Leechbook“. Sie setzt sich aus Porree, Knoblauch, Wein und Rindergalle in gleichen Teilen zusammen. Diese Zutaten soll der Anwender neun Tage in einem Messinggefäß ansetzen und anschließend durch ein Tuch pressen, um die entstandene Salbe auf entzündete Augen aufzutragen. Wahrscheinlich hat es gewirkt! Forscher der University of Warwick um die Mikrobiologin Freya Harrison haben das Rezept schon 2015 nachgemacht und gegen verschiedene Bakterien der Art Staphylococcus aureus eingesetzt, darunter auch MRSA-Stämme. Letztere sind gegen gängige Antibiotika unempfindlich geworden und verursachen hauptsächlich in Krankenhäusern massive Probleme. Die Salbe erwies sich als multifunktional: Sie schädigte die Zellmembranen der Keime, veränderte die Aktivität hunderter Gene und störte die chemische Kommunikation. Gleichzeitig verhinderte sie die Entstehung von Biofilmen. Resistenzentwicklung im Vergleichsversuch geklärt Wird dieses Mittel dieselben Resistenzen hervorrufen, wie unsere modernen Antibiotika, wenn die Keime ihm nur oft genug ausgesetzt sind? Auch das wollten die Forscher wissen und führten deshalb einen Vergleichsversuch durch. Sie setzten die Bakterien zwei Wochen lang langsam steigenden Konzentrationen der Salbe und herkömmlicher Antibiotika aus. Gegen die historische Salbe entstand dabei kaum Toleranz, bei den Antibiotika sah die Sache deutlich schlechter aus: Die Toleranz erhöhte sich hier ums Acht- bis Sechzehnfache. Der Clou: Die verschiedenen Inhaltsstoffe des Mittelalter-Rezepts treffen gleichzeitig auf verschiedenste Schwachstellen der Bakterien. So viele zeitgleiche Mutation gibt es kaum! In Europa sterben derzeit rund 35.000 Menschen im Jahr an MRSA-Keimen, weltweit sind es über eine Million. Die Rezeptur nachmachen und anwenden sollte nun trotzdem niemand, da die Sicherheit an Menschen ungeprüft ist. Die Forscher werden wahrscheinlich neue, sichere Arzneimittel aus ihren Versuchen ableiten. Quelle: derstandard.at Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter