Auch in Schweden gelten Corona-Beschränkungen, doch das Land hat sich nicht für einen vollständigen Lockdown entschieden. Außerdem setzt die Regierung eher auf Freiwilligkeit statt auf Zwang – ganz im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern. Führt der Sonderweg in die Katastrophe oder steht Schweden am Ende besser da als wir?


Von Bengt Nyman from Vaxholm, Sweden – DSC_8721-B, CC BY 2.0, Link

Das Land soll länger und konstanter durchhalten können

Welcher Weg der bessere ist, lässt sich erst dann zuverlässig beurteilen, wenn wir die Krise durchgestanden haben. Doch gewisse Spekulationen sind jetzt schon möglich. Der schwedische Aufruf, achtzugeben und freiwillig Abstand zu halten, hat jedenfalls recht gut gefruchtet. Obwohl alle Geschäfte geöffnet sind, kaufen die Schweden derzeit hauptsächlich Lebensmittel ein und bleiben tendenziell eher zu Hause. Die Menschen verzichten außerdem weitgehend auf Reisen, sie gehen auch kaum noch ins Kino oder ins Museum. Die Regierung behält sich vor, im Ernstfall mit Hilfe eines Notstandsgesetzes öffentliche Einrichtungen und den Nahverkehr zu schließen, bislang hielt sie diese drastische Maßnahme jedoch nicht für nötig. Mehr Infektionen werden in Kauf genommen, um den steilen Anstieg nach einer Lockerung zu vermeiden. Insgesamt soll das Land auf diese Weise länger und konstanter durchhalten können – vielleicht sogar mehrere Jahre lang.

Zwei Systeme mit ungewissem Ausgang

Die Fallzahlen der Nachbarländer Finnland und Norwegen, die sich für einen Lockdown entschieden haben, liegen deutlich niedriger. Ebenso steht es mit den Todeszahlen, die in Schweden allerdings im Moment wieder leicht zurückgehen. Vielleicht weil der Schutz von Alters- und Pflegeheimen inzwischen verbessert wurde. Der Schutz der Risikogruppen scheint ein wichtiger Faktor in der Rechnung zu sein. Ob die bis zur neunten Klasse geöffneten Kitas und Schulen eventuell zusätzliche Infektionsherde darstellen, ist strittig. Eine Studie aus Island deutet zumindest darauf hin, dass dem eher nicht so ist – Sicherheit gibt es in dieser Frage aber keine. Aber auch die Folgen eines totalen Lockdowns sind keinesfalls absehbar, sodass sich zwei Systeme mit ungewissem Ausgang gegenüberstehen.


Der schwedische Weg – auch etwas für uns?

Fest steht, dass die Schweden einige Vorteile für sich verbuchen können: Ihr Land ist im Vergleich zu Deutschland dünn besiedelt und in den Großstädten lebt ein großer Teil der Menschen allein. 50 Prozent aller Haushalte bestehen aus Singles. Der schwedische Sonderweg lässt sich also nicht so einfach auf unser Land übertragen. Der Virologe Alexander Kekulé jedoch meinte jüngst, dass, wenn es Schweden gelänge, die Risikogruppen zu schützen und den restlichen Menschen größere Freiheit zu gewähren, wir »unsere Strategie entsprechend anpassen« könnten. Und das liegt wahrscheinlich vielen Menschen hier längst auf dem Herzen.

Quelle: quarks.de

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