Vor der Küste Shanghais liegt seit Ende Mai das erste Unterwasser-Rechenzentrum der Welt in Betrieb, das direkt von Offshore-Windkraft gespeist wird. Gebaut von einer Tochtergesellschaft der China Communications Construction Company, vereint das Projekt im Lingang-Sondergebiet drei bisher getrennte Felder: Meerestechnik, erneuerbare Energien und KI-Infrastruktur. Chinesische Ingenieur:innen und Behördenvertreter:innen bezeichnen es als mögliche Blaupause für Rechenzentren der nächsten Generation. Symbolbild Strom direkt vom Wind, Kühlung direkt vom Meer Das Kernelement des Projekts ist eine Direktverbindung zu nahegelegenen Offshore-Windparks. Strom gelangt über unterseeische Glasfaser-Verbundkabel zu den versenkten Rechenmodulen, ohne den üblichen Umweg über das Landnetz. Für die Kühlung nutzt die Anlage das umgebende Meerwasser als natürliche Wärmesenke: Ein geschlossener Kupferrohr-Wärmetauscher überträgt die Abwärme der Server an das Ozeanwasser. Laut Betreiberangaben sinkt der Stromverbrauch für Kühlung dadurch um 22,8 Prozent gegenüber konventionellen Rechenzentren. Süßwasser braucht die Anlage gar keines. Das ist kein Detail am Rande: Herkömmliche Rechenzentren auf dem Festland greifen für die Kühlung bevorzugt auf Süßwasser zurück, weil es weniger Salze, Mineralien und biologische Verunreinigungen enthält, die Rohre angreifen oder die Kühlleistung mindern. An der Küste entfällt dieses Problem vollständig. Auch der Flächenbedarf schrumpft: Im Vergleich zu Landanlagen benötigt das Unterwasserzentrum über 90 Prozent weniger Grundfläche. Ein Projekt mit Potenzial Derzeit arbeitet die Anlage mit 2,3 Megawatt, ist aber auf 24 Megawatt ausgelegt, genug für rund 20.000 Haushalte. Diese Reserve lässt Raum für künftige Hardware-Aufrüstungen, ohne die Grundinfrastruktur neu bauen zu müssen. Professor Li Zhen von der Tsinghua-Universität hat die mögliche Tragweite durchgerechnet. Konventionelle Rechenzentren verwenden rund ein Drittel ihres Gesamtstromverbrauchs für Kühlung. Unterseeische Anlagen kämen nach seinen Berechnungen auf etwa ein Zehntel. Chinas Rechenzentren verbrauchen derzeit rund 250 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr, davon etwa 80 Milliarden für Kühlung. Würden vergleichbare Kapazitäten unter Wasser verlegt, ließe sich dieser Posten auf rund 30 Milliarden Kilowattstunden drücken, eine Einsparung von 50 Milliarden Kilowattstunden jährlich. Das entspräche dem Verzicht auf etwa 15 Millionen Tonnen Normkohle. Es bleiben Fragen offen So überzeugend die Zahlen klingen: Unterwasser-Rechenzentren sind im kommerziellen Maßstab weitgehend Neuland. Wie sich die Anlagen über viele Jahre hinweg bewähren, ist noch offen. Ebenso ungeklärt bleibt, welche Auswirkungen die kontinuierliche Wärmeabgabe ans Meerwasser auf das lokale Ökosystem hat. Angesichts der rasant steigenden Rechenanforderungen durch KI-Modelle suchen Technologieunternehmen weltweit nach neuen Standorten für ihre Infrastruktur, von Rechenzentren an Land bis hin zu Konzepten im Weltraum. Das Shanghaier Projekt liefert erstmals reale Betriebsdaten für eine dritte Option: die Tiefe des Ozeans. via China Daily Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter
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