Welche Ursachen haben ADHS und Autismus? Forscher fragen sich das seit Langem und nehmen dafür verstärkt die Embryonalentwicklung ins Visier. Zu den vielfältigen Einwirkungen während der Schwangerschaft zählt der Einfluss von Alltagschemikalien. Forscher des Florey Institute of Neuroscience and Mental Health konzentrierten sich bei ihren Untersuchungen auf den häufig verwendeten Weichmacher Di-(2-ethylhexyl)-phthalat (DEHP) und verglichen die Exposition in der Schwangerschaft mit späteren Anzeichen von Neurodivergenz.


Verletzlicher kleiner Mensch im Mutterleib

Mehr als 500 epigenetische Veränderungen im Nabelschnurblut

Am Anfang der Studie standen Blut- und Urinproben schwangerer Frauen und ihre DEHP-Werte. Als die Kinder dieser Mutter zwei und vier Jahre alt waren, folgten Verhaltensuntersuchungen auf ADHS und Autismus. Das Ergebnis: Eine erhöhte DEHP-Konzentration im mütterlichen Urin korrelierte mit epigenetischen Veränderungen bei mehr als 500 Genen im Nabelschnurblut – und mit vermehrten neurodiversen Symptomen.

DEHP ist ein Zusatzstoff für das allgegenwärtige PVC, um den Kunststoff flexibel zu machen. In zahlreichen Alltagsprodukten ist es vorhanden, wie zum Beispiel in Regenmänteln, Schläuchen, Lebensmittelverpackungen und medizinischen Geräten. Diese Phthalate können im menschlichen Körper hormonähnlich wirken. Andere Studien brachten sie bereits in Verbindung mit einem sinkenden Testosteronspiegel und verminderter Spermienqualität. Über epigenetische Mechanismen nehmen sie wahrscheinlich Einfluss auf die Gehirnentwicklung.


Kaum jemand entkommt diesen Weichmachern

Zurück zu der jüngsten Untersuchung: Mittlerweile entkommt kaum noch jemand der Einwirkung von Weichmachern. Fast alle teilnehmenden australischen Frauen wiesen eine DEHP-Exposition in verschiedenen Höhen auf. Zusätzliche Analysen unabhängiger Blutproben und postmortaler Hirngewebeproben untermauern die Befürchtung, dass DEHP die Genexpression verändern kann. Allerdings gab es Unterschiede zwischen den Hirn- und Blutbefunden, die den Forschern die Interpretation erschweren.

Kein kausaler Nachweis, aber Ansatzpunkte für mehr Forschung

Da es sich bei dieser Studie um eine reine Beobachtungsstudie handelt, erbringt sie keinen kausalen Nachweis. Das bedeutet, wir haben es nicht mit einem Beweis für eine einfache Wirkungskette zu tun. Allerdings betont der unabhängige Experte Mirko Uljarevic, dass die biologische Erklärung plausibel sei. Autismus und ADHS seien aber Erkrankungen, in die viele Faktoren hineinspielen. Einzelne Umweltbelastungen könnten das individuelle Risiko in der Regel nicht entscheidend verändern. »Die aktuelle Studie bietet wichtige Ansatzpunkte für zukünftige Forschung«, sagt Uljarevic.

Quelle: newatlas.com

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