In Tianjin gehen Polizist:innen neuerdings mit einer unscheinbaren Brille auf Streife, die mehr kann als jede stationäre Kamera. Die Smartglasses der zweiten Generation, vollständig mit chinesischer Hard- und Software entwickelt, erkennen Gesichter, Kennzeichen und Texte in Echtzeit. Laut der IT-Abteilung der Tianjiner Polizei liegt die Erkennungsgenauigkeit bei 95 Prozent, die Datenverarbeitung läuft innerhalb von Sekunden. Dabei wiegen die Brillen nur etwa 40 Gramm, weniger als eine gewöhnliche Sonnenbrille. China investiert seit Jahren massiv in die Digitalisierung seiner Sicherheitsbehörden: Der Markt für öffentliche Sicherheitstechnologie wuchs zwischen 2015 und 2025 von 10,8 auf 25,5 Milliarden Yuan, mit einem jährlichen Wachstum von knapp neun Prozent. Vom Streifendienst zur vernetzten Überwachungsinfrastruktur Die Geräte sind per Sprachbefehl steuerbar. Beamt:innen rufen damit Identitätsdaten, Kontaktinformationen oder Fahrzeugdaten direkt ab, ohne die Hand zu heben. Ein Polizeioffizier aus Tianjin beschreibt einen Einsatz, bei dem ein orientierungsloser älterer Mann innerhalb von 20 Minuten identifiziert und seiner Familie übergeben werden konnte. Offiziell dienen die Brillen vor allem der Verkehrsüberwachung, der Suche nach vermissten Personen und dem Crowd-Management bei Großveranstaltungen. Die zweite Generation hält rund zwei Stunden durch, was die Behörden als ausreichend für einen Standardeinsatz einschätzen. Sensoren im Brillenbügel aktivieren das Gerät automatisch beim Aufsetzen. Anders als eine am Körper getragene Kamera liefert die Brille eine Ich-Perspektive, die sich nicht verschiebt, wenn Beamt:innen sich bücken oder drehen. Ein System, das über die Brille hinauswächst Besonders aufschlussreich ist nicht die Brille selbst, sondern das Netz, in das sie eingebunden ist. In Chengdu hat die Polizei Smartglasses, Drohnen, Roboterhunde und humanoide Roboter zu einem gemeinsamen Überwachungssystem verknüpft, das Boden, Luft und einzelne Beamt:innen gleichzeitig abdeckt. In der Provinz Zhejiang berichtet die Polizei von einer dreifach höheren Effizienz bei Fahrzeugkontrollen seit Einführung der KI-Brillen. China setzt dabei ausschließlich auf heimische Technologie ohne westliche Cloud-Infrastruktur oder US-Chips. Das macht das System unabhängig von Exportbeschränkungen und für andere Staaten zu einem potenziellen Exportprodukt, das keine westlichen Lieferketten voraussetzt. Unabhängige Überprüfungen der genannten Leistungsdaten liegen allerdings nicht vor. Menschenrechtsorganisationen warnen, dass solche Systeme staatlichen Behörden bisher unerreichte Möglichkeiten zur Verhaltensüberwachung im großen Maßstab eröffnen. Berichten der Financial Times zufolge sind manche Systeme zudem darauf trainiert, suizidales Verhalten zu erkennen und Alarm auszulösen. Globale Ausbreitung einer umstrittenen Technologie China ist nicht das einzige Land, das Polizist:innen mit Smartglasses ausstattet. Die niederländische Nationalpolizei testete bereits 2020 AR-Brillen des Herstellers Vuzix. In Indien setzten Sicherheitskräfte in Delhi die Technologie während der Republic-Day-Feierlichkeiten im Januar 2026 ein. In den USA sollen ICE-Beamte bei Einsätzen Smartglasses getragen haben, und die Behörde erwägt Berichten zufolge, eigene Brillen mit Gesichtserkennung zu beschaffen. Im Westen läuft derweil eine breite Debatte: Rechtswissenschaftler:innen sehen im deutschen Strafrecht Lücken beim Umgang mit kamerabestückten Brillen, Datenschützer:innen warnen vor einer schleichenden Normalisierung der Gesichtserkennung im öffentlichen Raum, lange bevor ein rechtlicher Rahmen steht. In China stellt sich diese Frage kaum noch. Das Überwachungsnetz mit mehreren Hundert Millionen stationären Kameras existiert längst. Die Smartglasses verlagern es ins Sichtfeld einzelner Beamt:innen. via China Daily Teile den Artikel oder unterstütze uns mit einer Spende. Facebook Facebook Twitter Twitter WhatsApp WhatsApp Email E-Mail Newsletter