Vor der Küste der chinesischen Provinz Guangdong steht seit dem 4. Juni ein Koloss im Meer, der bald sechs Milliarden Kilowattstunden sauberen Strom pro Jahr liefern soll. Die Umspannplattform mit dem Namen „Heart of the Sea Wind“ gilt als die größte schwimmende Konverterstation der Welt und bündelt künftig den Strom mehrerer Offshore-Windparks, bevor er ins Festlandnetz fließt. Rund 100 Kilometer von der Stadt Yangjiang entfernt setzten Ingenieur:innen die Anlage in nur sieben Stunden auf ihr Fundament, wie die staatliche Aufsichtskommission SASAC mitteilte. Betreiber des Projekts ist der Staatskonzern China Three Gorges, der mit der Plattform einen zentralen Baustein für den Ausbau der Offshore-Windkraft in Südchina liefert.


Bild: SASAC

Zwei Stahlriesen und ein Millimeter-Manöver

Die Konverterstation besteht aus zwei Bauteilen. Oben thront eine siebenstöckige Stahlkonstruktion mit 85,5 Metern Länge, 82,5 Metern Breite und 44 Metern Höhe, die etwa 25.000 Tonnen wiegt. Darunter verankert ein Jacket-Fundament die gesamte Anlage im Meeresboden: 82 Meter lang, 57 Meter breit, 69 Meter hoch und mit 17.000 Tonnen fast so schwer wie der obere Teil selbst. Acht Pfähle halten das Fundament fest, während es Wellen, Strömungen, salzige Luft, Nebel und Taifune aushalten muss.

Kein Kranschiff in China konnte das Gewicht der oberen Struktur direkt anheben. Die Techniker:innen griffen deshalb zur sogenannten Float-over-Methode: Das Spezialschiff Xiang Tai Kou positionierte die Plattform mithilfe der Gezeiten und eines dynamischen Positionierungssystems über dem Fundament und ließ sie langsam hinabsinken, ähnlich wie beim Einparken eines Autos in eine enge Lücke. Am Ende blieben auf jeder Seite gerade einmal 150 Millimeter Spielraum zwischen den beiden Bauteilen. Gummifender und Kupplungsvorrichtungen an den Fundamentbeinen fingen mögliche Stöße ab und führten die Konstruktion sicher in ihre Endposition.


Wetterfenster über Monate vorbereitet

Weil die Anlage mit über 70 Kilometern deutlich weiter draußen liegt als vergleichbare Projekte, prüfte das Team monatelang Prognosen mehrerer Wetterdienste, um den idealen Zeitpunkt für die Installation zu finden. Am Morgen des 4. Juni um kurz nach sieben Uhr begann schließlich das Manöver, das um 14:18 Uhr abgeschlossen war. Ein enges Zeitfenster mit ruhiger See und schwachem Wind entschied darüber, ob das riskante Andocken der beiden Bauteile gelingen würde, denn schon kleine Abweichungen hätten bei einem 25.000 Tonnen schweren Objekt gravierende Folgen haben können.

Höchste Spannung, größte Kapazität

Mit einer Spannung von 500 Kilovolt und einer Kapazität von 2.000 Megawatt handelt es sich laut SASAC um die erste flexible Gleichstrom-Konverterstation dieser Größenordnung, die jemals offshore installiert wurde. Vor der Inbetriebnahme stehen noch die Verlegung der Seekabel sowie gemeinsame Tests zwischen Land- und Meeresanlagen an. Erst danach kann die Plattform ihre eigentliche Aufgabe übernehmen: den Strom mehrerer Offshore-Windparks zu bündeln, auf Gleichstrom umzuwandeln und verlustarm über weite Strecken zum Festland zu transportieren. Sobald der reguläre Betrieb beginnt, soll die Station jährlich rund sechs Milliarden Kilowattstunden Windstrom in die Greater Bay Area rund um Guangdong, Hongkong und Macau einspeisen und dabei nahezu fünf Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen. Das entspricht in etwa dem jährlichen Stromverbrauch mehrerer Millionen Haushalte.

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