Seltsames geht derzeit in den Antiquariaten vor: In Deutschland und anderswo gehen haufenweise Online-Bestellungen für gebrauchte und alte Bücher ein. Oft sind unter den angefragten Werken langjährige Ladenhüter: hochwertige Fachliteratur und Spezialauflagen, die über viele Jahre auf kein Interesse stießen. Die Bestellungen trudeln sehr oft nachts ein, sie erfolgen offensichtlich automatisiert mit Vorauszahlung. Händler und Branchenbeobachter vermuten Schlimmes.


Alte Bücher – ein Schatz für sich

Erst Seiten raustrennen, dann scannen und entsorgen

Wahrscheinlich nutzen KI-Firmen die bestellten Bücher, um ihre Algorithmen mit analogen Daten zu trainiere. Das Internet ist schließlich längst abgegrast, nur das Wissen aus älteren Zeiten fehlt in weiten Teilen. Eine Recherche der Washington Post legt nahe, dass künstliche Intelligenzen auch schon die im Netz digitalisierten Werke inhaliert haben, darum bleibt nur noch das übrig, was ausschließlich auf Papier verfügbar ist. Das KI-Unternehmen Anthropic betreibt diesen Bericht zufolge das »Project Panama«: Hochgeschwindigkeitsscanner erfassen dabei Buchseiten, die zuvor aus dem Einband gelöst wurden. Das heißt, die physischen Bücher sind damit zerstört und kommen in den Müll. Die Zeitung bezeichnet dieses Vorgehen als »zerstörerisch«.

Abwicklerfirmen reagieren nicht auf Anfragen

Für die Händler bedeutet das: Ihre Bücher landen nicht bei eifrigen Lesern, sondern werden auf dem Altar der Digitalisierung geopfert – und geschreddert. Viele Antiquare zögern deshalb bereits, qualitativ hochwertige und besonders schöne Exemplare »mit Patina« in solchen Bestellungen abzugeben. Die Lieferwege führten am Anfang nach Kanada, mit hohen Versand- und Zollgebühren. Mittlerweile liegen die Empfängeradressen in Deutschland. Die Namen der Abwicklerfirmen sind bekannt, doch auf Anfragen von Journalisten haben sie bislang nicht reagiert.


Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sieht in diesen ominösen Trainingspraktiken einen klaren Verstoß gegen das deutsche Urheberrecht. In den USA wäre das Vorgehen allerdings erlaubt, denn die Vernichtung gescannter Bücher gilt dort als »Fair Use«, weil der Eigentümer das physische Exemplar rechtmäßig erworben hat. Das Phänomen beschäftigt jetzt die gesamte Buchbranche. Es wirft die grundsätzliche Frage auf, wie wir physische Kulturgüter im KI-Zeitalter schützen können.

Quelle: tagesschau.de 

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